Die letzten Stationen

Der grosse Prozess

Bruno Gröning mit Rechtsanwalt Dr. SchwanderAm 4. März 1955 erhob die Staatsanwaltschaft erneut Anklage gegen Bruno Gröning. Wiederum wurde ihm zur Last gelegt, gegen das Heilpraktikergesetz verstossen zu haben. In einem weiteren Anklagepunkt wurde er der fahrlässigen Tötung in einem Fall bezichtigt.

Nachdem ihm die Anklageschrift zugestellt worden war, wandte er sich an seine Freunde:

"Meine lieben Freunde!

In diesen Tagen hat die gesamte Presse und der Rundfunk eine Meldung in mehr oder minder tendenziöser Aufmachung über mich veröffentlicht, die euch mitteilte, dass die Münchner Staatsanwaltschaft II gegen mich eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung vorbereitet hat. Ich soll einem siebzehnjährigen TBC-kranken Mädchen Ende 1949 die Heilung versprochen und es daran gehindert haben, ein Sanatorium und einen Arzt aufzusuchen. Ich sei an dem Tode dieses jungen Menschenkindes schuld.

Wer mit klarem Verstande diese Meldungen gelesen oder gehört hat, wird erkannt haben, was mit ihnen bezweckt werden soll: Verwirrung unter meinen Freunden herbeizuführen und alle Suchenden davon abzuhalten, sich mit unseren Bestrebungen und dem von mir verkündeten Erkenntnisgut näher zu befassen. Mit allen Mitteln wird versucht, meine und des Gröning-Bundes sowie eure Aktivität zu hemmen.

Selbstverständlich liegen die Dinge anders, als sie dargestellt werden! Meinen Freunden brauche ich hierzu keine Ausführungen zu machen, sie wissen, dass ich keine 'Heilungsversprechen' mache und dass ich von ärztlicher Behandlung nie abrate.

Ich bin 1952 freigesprochen worden. Ist es nicht merkwürdig, dass der "Fall Kuhfuss", der schon Ende 1949/1950 aufgetreten war, in dem Prozess gegen mich 1951/1952, obwohl alle Unterlagen bereits vorgelegen haben, nicht damals schon aufgerollt worden ist!

Ist es nicht auffallend, dass die Ermittlungen zur erneuten Einleitung eines Prozesses gegen mich genau zu dem Zeitpunkt einsetzten, als der Öffentlichkeit bekannt wurde, dass am 22.11.1953 in Murnau der 'Gröning-Bund' ins Leben gerufen war! Nämlich seit Januar 1954 sind zahlreiche Ortsgemeinschaftsleiter und Freunde sowie Bundesmitglieder durch Polizeimassnahmen verhört und überwacht worden."

Die Vorbereitungen des Prozesses zogen sich weit über zwei Jahre hin. Bruno Grönings Verteidigung wurde erheblich erschwert. Fast alle Entlastungszeugen wurden abgelehnt, die Zeugen der Anklage jedoch zugelassen. Unter ihnen fanden sich auch zwei ehemalige Mitarbeiter Grönings: Eugen Enderlin und Otto Meckelburg. Besonders Meckelburg - im ersten Prozess noch Mitangeklagter - wandte sich in auffallend scharfer Form gegen Gröning. Er setzte alles daran, ihm zu schaden.

Bruno Gröning auf der Anklagebank

 

Im Anklagepunkt der fahrlässigen Tötung spielte er eine entscheidende Rolle. Es handelte sich um einen Fall, der sich zur Zeit seiner "Managertätigkeit" für Gröning ereignet hatte.

Im November 1949 war der Sparkassenbeamte Emil Kuhfuss mit seiner siebzehnjährigen, an doppelseitiger Lungentuberkulose erkrankten Tochter Ruth zu einem Vortrag Grönings gekommen.

Gröning erkannte sofort, dass dem Mädchen nicht mehr zu helfen war, und äusserte sich einem anwesenden Arzt gegenüber entsprechend. Meckelburg aber bedrängte ihn heftig und verlangte, er solle sich des Falles annehmen. So kam es nach dem Vortrag zu einer persönlichen Begegnung zwischen Bruno Gröning und Ruth Kuhfuss. Gröning sprach der Kranken Mut zu und forderte den Vater auf, nach neun Tagen eine fachärztliche Untersuchung zu veranlassen. Damit wollte er erreichen, dass sich das Mädchen, das nichts mehr von den Ärzten wissen wollte, wieder in medizinische Obhut begab. Der Vater sicherte zu, sich darum zu kümmern.

Die in der Folgezeit stattfindende Korrespondenz wurde von Meckelburg abgewickelt und drang nicht bis zu Bruno Gröning vor. Erst im Mai 1950 hörte er wieder von Ruth Kuhfuss. Der Vater hatte in der Zwischenzeit flehende Bittbriefe an Gröning gesandt und um einen Besuch gebeten. Meckelburg leitete die Briefe nicht weiter, sondern vereinbarte eigenmächtig - ohne Wissen Grönings - ein Treffen mit Herrn Kuhfuss. Erst kurz vor dem angesetzten Termin unterrichtete Meckelburg Gröning und zwang ihn mitzukommen.

Ehepaar MeckelburgSpäter behauptete Meckelburg, Bruno Gröning habe dem Mädchen ein Heilversprechen gegeben. Dabei war er es selbst, der dem Vater zugesichert hatte, er werde Gröning dazu bringen, seine Tochter zu heilen. Meckelburg sah in dem Sparkassenbeamten eine gute Geldquelle, die er ausschöpfen wollte, doch dazu brauchte er Gröning. Kurz nach diesem Besuch trennte sich Gröning von Meckelburg.

Ein schwerer Vorwurf, der gegen Bruno Gröning erhoben wurde war, er habe Ruth Kuhfuss die Behandlung durch einen Arzt verboten. Dem entgegen stand jedoch die Tatsache, dass er - was selbst Zeugen der Anklage bestätigten - das Mädchen bereits beim ersten Zusammentreffen zum Arzt geschickt hatte. Auch in einer Rundfunkansprache im Herbst 1949 rief er die Menschen auf, "sich bis zum Schluss ärztlich nachuntersuchen zu lassen". Hilfesuchenden riet er stets, ihren Ärzten Vertrauen zu schenken.

Ruth Kuhfuss, die schon einige schmerzhafte, aber erfolglose Heilverfahren hinter sich hatte, weigerte sich, weitere Behandlungen über sich ergehen zu lassen. Am 30. Dezember 1950 starb sie an den Folgen der Krankheit.

Aus medizinischer Sicht beleuchtete Dr. med. Otto Freihofer in einer gutachterlichen Äusserung den Fall Ruth Kuhfuss:

"Bei nüchterner Beobachtung muss jeder Laie zu der Überzeugung kommen, wie es auch seitens des Gesundheitsamtes Säckingen ausgesprochen wurde, dass eine Heilung angesichts des 'sehr schweren Zustandes', der nach ärztlichem Befund 'lebensbedrohlich war' bzw. wobei 'Gefahr im Verzug' war, nach menschlicher Berechnung aussichtslos war. Ebenso wird ein jeder ehrlich und sine ira et studio denkende Arzt, der nicht allzu selbstbewusst glaubt, im Besitz der neuesten Medikamente auf die Kräfte der Natur verzichten zu können, dem Gutachten von Herrn Prof. Lydtin, München, beistimmen müssen, wonach 'sich nicht sagen lässt, dass vor dem 5.11.49 ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit für eine Heilung gegeben war'.

Meines Erachtens ist es aber mehr als verwunderlich, dass die Patientin überhaupt bis zum 30. Dezember 1950 lebte, so dass der Einfluss Grönings doch noch einen gewissen Lebensaufschub gegeben haben kann.

Zusammenfassend möchte ich meine gutachterliche Äusserung dahingehend abschliessen, dass die Behauptungen:

  • 'dass Heilungsaussichten bestanden hätten',
  • 'dass die Lebenszeit der Patientin Kuhfuss noch mehr hätte verlängert werden können, wenn Herr Gröning nie in ihre Nähe gekommen wäre', weder mit Sicherheit voraussagbar noch deshalb berechtigt sind."

Das Paradoxe der Anklage gegen Bruno Gröning hinsichtlich fahrlässiger Tötung zeigte Josef Hohmann, ehemaliger Mittelschuldirektor, in einer Schrift aus dem Jahre 1956 auf:

"Die Wahrheit schaut am deutlichsten hinter den Kulissen hervor, wenn man den Fall ins Gegenteil verkehrt.

Probieren wir diese Sentenz bei dem Fall Kuhfuss aus. Sagen wir also, das TBC-kranke Mädchen wäre im Anfangsstadium zu allererst zu Herrn Gröning gekommen, und er hätte 1 1/2 Jahre an dieser TBC-Krankheit erfolglos herumkuriert. Wir bezeichnen diese Phase mit A.

Darauf geht das Mädchen als Todeskandidatin zu Professoren und Ärzten und stirbt unter ihrer Behandlung. Das soll die Phase B sein.

Der Prozess setzt ein. Ärzte treten als Sachverständige auf. Sie sollen ermitteln, wo der Unschuldige steht. Und ich gehe die grösste Wette ein, alle Ärzte und Professoren, alle medizinischen Fakultäten, ja alle Mediziner der ganzen Welt stellen sich hinter die Phase B mit dem Bemerken: Hier thront mit vollem Glorienschein die Unschuld, denn wie kommen wir dazu, dafür geradezustehen, was jemand in einer Behandlungszeit von 1 1/2 Jahren 'verbockt' hat? Das wäre doch geradezu lächerlich und absurd!

Und gerade dort hinter der Phase B steht Gröning unter Anklage. Demnach hat er die ganze moderne Schulmedizin, vielleicht eine ganze Million Wissenschaftler hinter sich, die geschlossen seine Unschuld (!) demonstrieren."

Ende Juli 1957 kam es im Schwurgerichtssaal des Schöffengerichts München-Land zur Verhandlung. Im Punkte der fahrlässigen Tötung wurde Bruno Gröning freigesprochen. Wegen Verstoss gegen das Heilpraktikergesetz wurde ihm jedoch eine Geldstrafe von 2000,- DM auferlegt.

Obwohl das Urteil auf den ersten Blick positiv aussieht, war es für ihn unannehmbar. Es kam dem endgültigen Verbot seines Wirkens gleich. Durch den Fehler seines Anwalts, der das Urteil weit positiver einschätzte als Gröning, ging nicht er in Berufung, sondern die Staatsanwaltschaft. Die zweite Verhandlung fand Mitte Januar 1958 wieder in München statt.

Trennung vom Gröning-Bund

Zwischenzeitlich kam es im Oktober 1957 zu einer Auseinandersetzung zwischen Bruno Gröning und der Geschäftsführung des Bundes. Durch engstirnigen Bürokratismus hatte der Bund Bruno Gröning sehr geschadet.

Anlass für den Disput war das Prozessurteil, demzufolge Bruno Gröning innerhalb kurzer Zeit 2 000,- DM Geldstrafe hätte zahlen müssen. Da er für sein Wirken kein Geld nahm und somit über keine ausreichenden finanziellen Mittel verfügte, hatte sich der Bundesvorstand schon zu Beginn des Prozesses entschlossen, die anfallenden Kosten zu tragen. Ob aber die Geldstrafe dazuzählte, war im Vorstand umstritten. Man wollte auf langwierigem bürokratischen Wege prüfen, ob der Bund überhaupt verpflichtet sei, die 2 000,- DM zu zahlen. Danach erst sollte sich um die Aufbringung der Gelder gekümmert werden. So war abzusehen, dass die notwendigen Mittel Bruno Gröning - wenn überhaupt - viel zu spät erreicht hätten. Der Bund hätte also tatenlos zugesehen, wie Bruno Gröning bei Nichtbezahlen der festgesetzten Strafe ersatzweise ins Gefängnis hätte gehen müssen. Dadurch kam es zur offenen Auseinandersetzung und schliesslich zum Bruch.

Bruno Gröning sprach in seiner 62 Seiten umfassenden "Bilanz über die Tätigkeit des Bundes" alle Punkte an, in denen ihm der Bund geschadet hatte. Zusammenfassend erklärte er:

Bruno Gröning

"Wenn ich nun heute Vergleiche ziehe zwischen meiner früheren Umgebung (den Geschäftemachern Meckelburg, Enderlin, Schmidt und Hülsmann) und meiner heutigen Umgebung (Bundesvorstandsmitglieder), dann komme ich zu demselben Endresultat: Heute ist im Endergebnis das gleiche geschehen wie damals. Heute ist durch die, die meine grössten, engsten und besten Freunde sein wollen, nichts anderes geworden als damals. Damals haben schmutzige Handwerker mich betrogen. Heute haben Freunde versagt, indem sie ruhig mitansehen konnten, dass ich durch Prozesse, durch Verurteilung, dadurch, dass ich keine Hilfe bekam, dadurch, dass ich meine Gemeinschaften nicht aufsuchen konnte ohne Wagen, dadurch, dass man nichts gegen die Pressehetze unternahm, dadurch, dass man nur Verwirrung anrichtete, dadurch, dass man einfach nicht für mich da war, wenn ich Menschen brauchte, die nach ihrem Schulwissen und ihrer Stellung im weltlichen Leben mich hätten unterstützen können und müssen, es nicht zu dem kommen konnte, wozu ich nun einmal auf dieser Erde bin.

Keiner von diesen Freunden hat sein Ich eingesetzt, um mich freizukämpfen, keiner hatte den Mut, wirklich für mich einzutreten. Nichts ist geschehen. Kleinlich bürokratisch hat man Beschlüsse über Beschlüsse gefasst. Keiner ist wirklich für mich eingetreten, keiner hat wirklich alles darangesetzt mit seinem ganzen Einsatz, dass er mir endlich alle diese Kämpfe in den Prozessen, gegen die Presse, um eine Hilfskraft, um den Wagen, der kaputt war, gegen Schmutz und Verleumdung abnahm usw. usw. und sich vor mich stellte, damit ich das tun konnte, wozu ich da bin auf dieser Erde:

Den Menschen die Kraft des Lebens zu übermitteln und die Menschen zum Glauben zu führen.

Dass ich dazu die Ruhe brauche und nicht immer und immer wieder durch weltliche, äussere Einflüsse gehindert werden darf, dass ich einen wirklichen Schutzwall brauche, um ungestört das wirken zu lassen, was mir gegeben, daran hat niemand gedacht, niemand von meinen Freunden, von denen, die meine Freunde sein wollen. Und das ist das Beschämende und für mich das Enttäuschende:

  • Die Geschäftemacher haben ihren Nutzen ziehen wollen, sie sind als schlechte Menschen erkannt.
  • Freunde vom Gröning-Bund sind zu lau, zu gleichgültig, zu bequem, ich will nicht sagen böswillig.

Und das Ergebnis ist dasselbe:

Ich bin nicht frei geworden. Viele Freunde vom Bundes-Vorstand haben ihr Versprechen nicht gehalten. Man hat mich durch alle Massnahmen nur geknebelt."

Weisser trat zurück und der Gröning-Bund, dem nie die Aufnahme ins Vereinsregister gelungen war, wurde nach kurzer Zeit aufgelöst. An seine Stelle trat der "Verein zur Förderung seelisch-geistiger und natürlicher Lebensgrundlagen". Er wurde 1958 gegründet, und seine Obmänner waren Erich Pelz für Deutschland und Alexander Loy für Österreich. Aber auch dieser letzte zu Lebzeiten Bruno Grönings gegründete Verein sollte nicht das leisten, was er sich von ihm erhoffte. In der Satzung kam nicht einmal sein Name vor.

Sein Wort bannt die Krankheit

Artikelserie im "Neuen Blatt", Ausgabe 9.5.1957
Original Pressebericht

Während dieser Auseinandersetzungen und Kämpfe ging das Wirken Bruno Grönings weiter. So berichtete Dr. Horst Mann 1957 in einer Artikelserie im "Neuen Blatt" unter der Überschrift "Sein Wort bannt die Krankheit" u. a.:

"Am nächsten Morgen fuhr ich von Hameln nach Springe, dem kleinen Städtchen am Deister. Auch hier hatte sich eine Gröning-Gemeinschaft gebildet. Die Heilung einer Reihe von Menschen war der Ausgangspunkt dafür gewesen. Und auch hier erlebte ich es, wie schon vorher in verschiedenen Ortschaften Schleswig-Holsteins, in Augsburg, Hameln, Wien, Plochingen und anderen Städten: Menschen standen auf und berichteten mir von ihren Krankheiten. Sie nannten mir ihre Ärzte, die sie behandelt hatten. Sie erzählten von ihrer Gesundung, die sie Gröning verdankten. Und immer waren sie bereit, die Hand zu erheben und diese Aussage unter Eid zu erhärten.

'Mir wurden bereits als Baby beide Beine im Hüftgelenk ausgekugelt', erzählte die fünfzigjährige Julie Prohnert aus Hannover. 'Später konnte ich nur an Krücken gehen. Der Arzt konnte mein Leiden nur lindern. Als ich einen Vortrag von Herrn Gröning hörte, spürte ich eine starke Reaktion. Mein Rücken, der bereits völlig verkrümmt war, wurde wieder gerade. Ich konnte wieder gehen. Ich habe keine Rückschläge mehr gehabt ...'

'Ich hatte Gelenkrheumatismus und wurde laufend von Ausschlägen und Abzessen gequält. Herr Gröning hat mich davon befreit', sagte Wilhelm Gabbert aus Hameln.

'Mein Gallenleiden konnte nur noch durch Morphium erträglich gemacht werden', berichtete Kurt Severit aus Evestorf. 'Ich danke es Bruno Gröning, dass er mich von diesem Leiden befreite.'

'Ich hatte hochgradig Zucker', berichtete Robert Thies aus Springe. 'Noch bedrohlicher war aber eine Herzmuskelschwäche. Beide Leiden machen mir heute nicht mehr zu schaffen. Dafür danke ich Herrn Gröning.'

Dank von Ehepaar

Bruno Gröning mit dankender Frau

Diese Reihe liesse sich fortführen. Es waren Menschen jeden Alters, die mir berichteten. Männer, Frauen und Kinder. Viele Krankheiten wurden aufgezählt, vom Kopfschmerz angefangen, über Nervenentzündungen, Ischias, Nieren- und Gallenleiden, bis zu Herzstörungen und Lähmungserscheinungen.

Aber da war noch etwas anderes, was mich tief berührte. Freimütig erzählten viele hier vor allen Zuhörern, dass sie durch Gröning eine innere Wandlung erfahren hätten. Das Jagen nach Erfolg und die egoistische Einstellung sei einer inneren Ruhe und Gelassenheit und gemeinschaftlichem Denken gewichen.

Bei all diesen Gesprächen mit Menschen, die sich durch Bruno Gröning geheilt fühlten, wurde eine Frage in mir immer stärker: War der Heilerfolg bei jedem Menschen - oder viel kühner noch - bei jeder Krankheit möglich? Wo lagen die Grenzen der Kraft, die von Gröning ausging? Gab es hier nicht Gefahren? [...]

Bei meinem letzten Besuch stellte ich ihm diese Frage. 'Ich kann und will keinen Menschen zwingen', antwortete er mir. 'Wenn jemand sich verschliesst und nicht die Bereitwilligkeit in sich trägt, die Kraft zur Ordnung zu entfalten, dann fehlt auch mir die Bereitschaft zum Eingreifen. Diesen Menschen fordere ich nur auf, den Riegel des Bösen aufzusprengen, der das Heil verhindert.'

Ich hatte noch eine Frage: 'Jede Krankheit ist verschieden gefährlich', sagte ich. 'Angenommen, ein Schwerkranker, von mehreren Ärzten aufgegeben, lässt Sie durch einen Arzt, der noch um seinen Patienten kämpft, rufen. Werden Sie helfen können?'

'Ja', sagte Gröning. Er sagte es ohne zu zögern. 'Wenn der Kranke daran glaubt und der Arzt seinem Weg vertraut, wird der Erfolg nicht ausbleiben. Das gemeinsame Vertrauen wird in dem Kranken ungeahnte Kräfte entwickeln. Häufig kam der Erfolg gerade da am schnellsten, wo der kranke Mensch voller Verzweiflung nach dem letzten Strohhalm griff.'"

Fortgang des Prozesses

Bei der Berufungsverhandlung im Januar 1958 gereichte Bruno Gröning zum Nachteil, dass nicht er, sondern die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte. Doch nicht nur diese Nachlässigkeit seines damaligen Anwaltes schadete ihm; auch dessen zögernde Herausgabe des Aktenmaterials an den neuen Rechtsbeistand Grönings behinderte die Vorbereitung auf die Verhandlung.

Als weiterer Nachteil erwies sich das im Vergleich zur ersten Verhandlung viel sicherere Auftreten der Gegenzeugen. Sie schienen sich auf den Punkt "Verbot des Arztes" geeinigt zu haben.

So lautete das Urteil diesmal:

Acht Monate Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung und 5000,- DM Geldstrafe wegen Vergehens gegen das Heilpraktikergesetz. Das Urteil wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Anny Freiin Ebner von Eschenbach, die sowohl die erste als auch die zweite Verhandlung miterlebte, bezeichnete das Urteil als eine Schande für Deutschland.

Bruno Gröning erklärte, er werde dafür bestraft, dass er Gutes tue. Er beklagte, dass sich während des ganzen Prozesses niemand dafür interessiert habe, wie eine Heilung zustande kommt, nicht einmal seine eigenen Anwälte. Wäre man dieser Frage nachgegangen, so hätte sich herausgestellt, dass sein Wirken mit medizinischer Behandlungsweise nichts gemein hat. Der Prozess hätte eingestellt werden müssen. Doch die Klärung dieser Frage interessierte bei Gericht niemanden. Man hatte eine vorgefasste Meinung von Gröning und war nicht bereit, von ihr abzuweichen.

Doch auch das war nicht das Ende des Prozesses. Diesmal beantragte Bruno Gröning Revision. Der Termin für die Verhandlung wurde für den 22. Januar 1959 vor dem Oberlandgericht in München angesetzt. Doch in der Zwischenzeit ereignete sich Tragisches im Leben Bruno Grönings.

Sein Weg endet in Paris

Bruno Gröning mit Ehefrau JosetteIm Spätherbst 1958 fuhr er mit seiner zweiten Frau Josette, die er im Mai 1955 geheiratet hatte, nach Paris und liess sich von dem befreundeten Krebsspezialisten Dr. Pierre Grobon untersuchen. Die Auswertung mehrerer Röntgenaufnahmen ergab: Magenkrebs im vorgeschrittenen Stadium. Dr. Grobon wollte sofort operieren, doch Bruno Gröning lehnte ab.

Er fuhr zurück nach Deutschland und bereitete die Weihnachtsfeiern der Gemeinschaften vor. Am 4. Dezember besprach er ein Tonband, das in allen Weihnachtsfeiern abgespielt werden sollte. Danach fuhr er mit seiner Frau erneut nach Paris. Dr. Grobon hatte inzwischen den angesehenen Spezialisten für Krebschirurgie Dr. Bellanger informiert. In dessen Klinik in der Rue Henner, unweit von Montmartre, kam es am 8. Dezember zur Operation. Das Ergebnis war für die Ärzte erschreckend: es war noch viel schlimmer, als die Röntgenaufnahmen ahnen liessen - nicht mehr operabel. Die Wunde wurde sofort wieder geschlossen.

Josette Gröning schrieb dazu:

"Sie konnten aber nicht begreifen, dass Brunos äussere Erscheinung so wenig von seinem furchtbaren inneren Leiden verriet, dass er noch normal atmen konnte, dass sein Stoffwechsel in den letzten Wochen noch tadellos funktioniert hatte, dass sein Blutbild ausgezeichnet war. Es findet in diesem vorgeschrittenen Stadium ein sich ständig wiederholendes Erbrechen bei der geringsten Nahrungsaufnahme statt, und der schwer geprüfte Patient muss langsam verhungern. Bei Bruno war dies alles nicht."

Bruno Gröning

Zum Erstaunen seiner Ärzte erholte er sich sehr schnell und fuhr zurück nach Deutschland, wo er das Weihnachtsfest erlebte.

Mitte Januar 1959 traf er drei Tage mit den Obmännern des neuen Vereins zusammen und bestimmte, wie das Werk aufzubauen sei. Die beiden ahnten nicht, dass es ihr letztes Zusammentreffen mit Bruno Gröning sein sollte.

Am 21. Januar flog er wieder nach Paris. Wegen Verschluss des Dickdarmbogens war eine Operation unumgänglich. Am 22. Januar 1959 um 9.00 Uhr vormittags - zur gleichen Stunde, als in München die Revisionsverhandlung begann - wurde Bruno Gröning erneut operiert. Er musste das über sich ergehen lassen, was er unzähligen Menschen erspart hatte, er konnte und durfte sich selbst nicht helfen.

Als er an diesem Morgen in der Narkose lag, ging plötzlich ein heftiges Gewitter über Paris nieder. Seine Frau berichtete:

"Merkwürdig ist auch folgendes Naturereignis. Am 22. Januar 1959, während mein Mann noch in der Narkose lag, verdüsterte ein urplötzlich über Paris ausbrechendes Gewitter mit Blitzen und Donnerschlägen die heitere und helle Tagesstimmung. Es wurde so dunkel, dass man am hellen Tag das Licht anzünden musste. Die Schwester drückte ihr Erstaunen über ein so heftiges Gewitter aus.

In den auf die Operation folgenden Tagen waren Brunos Temperatur, sein Blutdruck, sein Puls völlig normal. Er stand sogar noch zweimal auf und setzte sich in einen Sessel."

Am 25. fiel er in ein Koma, und am darauf folgenden Tag, dem 26. Januar 1959, um 13.46 Uhr starb Bruno Gröning in der Clinique Henner an Krebs, wie der Arzt im Totenschein festhielt.

War es wirklich Krebs? Dr. Bellanger hatte nach der zweiten Operation gesagt:

"Die Zerstörung in Brunos Körper ist furchtbar, es ist eine innere totale Verbrennung. Wie er so lange und ohne die entsetzlichen Schmerzen zu erleiden, leben konnte, ist mir ein Rätsel."

Bruno Gröning hatte bereits Jahre vorher geäussert:

"Wenn man mir das Wirken verbieten wird, verbrenne ich innerlich."

Wie Bruno Gröning das Kreuz dieses bitteren Schicksals trug, bezeugt ein Brief, den Dr. Grobon am 26. Februar 1959 an die Witwe schrieb.

"Diese [Bruno Gröning gewidmeten Bemühungen des Arztes] waren nur zu natürlich, und ich darf wohl sagen, dass sie eine gewaltige Stütze an dem Mut, der Willenskraft und der bedeutenden Persönlichkeit Bruno Grönings gefunden haben. [...] Er war auf der Bahn Christi."

Dr. Bellanger brachte seine Bewunderung Bruno Gröning gegenüber noch im Dezember 1974 in einem Brief zum Ausdruck:

"Bruno Gröning war ein Mann mit Herz, ein wertvoller Mensch, der sich behauptete; und seine Würde angesichts des Leidens und des Todes ruft noch heute Bewunderung hervor."

Bruno Gröning

Grab Bruno Grönings in Dillenburg

Der Leichnam Bruno Grönings wurde in einem Krematorium in Paris eingeäschert und die Urne auf dem Waldfriedhof in Dillenburg beigesetzt.

Der Prozess wurde wegen Ablebens des Angeklagten für erledigt erklärt, ein endgültiges Urteil nie gesprochen.

Der "Wunderdoktor von Herford", der Tausenden und Abertausenden von Menschen das Heil gebracht hatte, starb einsam und verlassen in einer kleinen Gasse in Paris. Warum musste das geschehen? Warum musste er so bitteres Leid tragen? Warum konnte er sich selbst nicht helfen?

Grete Häusler, Leiterin des Bruno Gröning-FreundeskreisesGrete Häusler schreibt dazu in dem Buch "Das Heil erfahren, das ist Wahrheit":

"Bruno Gröning hat in der kurzen Zeit seines Hierseins auf dieser Erde viel des Guten bewirkt. Die Gabe des Helfens und Heilens ist ihm in die Wiege gelegt worden. Überall, wohin er auch kam, gab es wundervolle Dinge, die man nicht mit dem Verstand erklären konnte. An die Öffentlichkeit trat er im Jahre 1949. Nach den grossen Heilungen, die in Herford auftraten, und nachdem er im In- und Ausland in aller Munde war, bekam er nach drei Monaten Heilverbot. Man verfolgte ihn und hetzte ihn, man machte ihm den grossen Prozess und wollte ihn strafen und verurteilen. Warum? Wem hat er etwas Böses getan? Niemandem, aber Tausenden von Menschen soviel des Guten, was sie von keinem anderen Menschen hätten erhalten können. Unschuldig wollte man ihn bestrafen! Unschuldig verwehrte man ihm, das zu tun, was Gott ihm geboten hat zu tun - den Menschen zu helfen!

Bitter hat er diese Bosheit austragen müssen in Paris in der Krebsklinik in der Rue Henner! Unter bitteren Schmerzen verbrannte er innerlich an dem Heilstrom, den er nicht weiterleiten durfte. Das menschliche Gesetz wollte ihm dieses in Deutschland verbieten. Unter all der Lüge und Verleumdung stand er als Angeklagter wie ein Verbrecher da!

Still und allein, kein Freund wusste davon, trug er all das Leid der Menschheit aus. Und es war ein Austragen, es war nicht umsonst getan! Es musste so geschehen, anders war es nicht mehr möglich, den Menschen zu helfen."

Und in ihrem Buch "Ich lebe, damit die Menschheit wird weiterleben können" schreibt sie:

"Im Umgang mit dem Wort 'Opfer' sollen wir Menschen sehr sorgsam sein. Hier jedoch, als Bruno Gröning in Paris starb, ist dieses Wort in seiner ganzen Schwere die Wahrheit."

Nur so war es möglich, dass sich sein Wort erfüllen konnte, wie es heute durch unzählige Erfolgsberichte bezeugt wird:

"Wenn ich nicht mehr auf dieser Erde als Mensch sein werde, d. h., wenn ich meinen Körper abgelegt haben werde, dann ist die Menschheit so weit, dass jeder aus sich die Hilfe und Heilung erleben kann."