Pressespiegel damals, Deutschland:
"Revue", Ausgabe 14.8.1949

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"Revue kämpft um die Klärung einer schicksalentscheidenden Frage"

"REVOLUTION IN DER MEDIZIN?"

DEM HERFORDER WUNDERTÄTER BRUNO GRÖNING der im Mai und Juni 1949 Tausende von hoffnungslos Kranken nach deren eigenen Angaben heilte, wurde sein weiteres Wirken durch die Unduldsamkeit von Ärzten und Behörden in Norddeutschland unmöglich gemacht. Am 3. Mai 1949 wurde Gröning verboten, seine Heiltätigkeit weiter auszuüben. Seit 29. Juni hat Gröning sich von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aber weder ist Bruno Gröning verschwunden, noch bleibt die Frage nach seiner wunderbaren Heilkraft ungeklärt. Denn die Revue hat Gröning den Weg in eine grosse medizinische Klinik geöffnet, in der er vor kritischen, aber unvoreingenommenen Ärzten seine Heilkraft unter Beweis stellen kann. Die Revue gab Gröning damit die Möglichkeit, vor modernen Wissenschaftlern zu beweisen: Ich heile Unheilbare. Die Revue beginnt heute mit der Veröffentlichung der Ergebnisse von 150 unangreifbaren Experimenten. Lesen Sie, was unsere Korrespondenten Bongartz und Laux, unter der wissenschaftlichen Leitung des Psychologen und Mediziners Prof. Dr. Fischer, in der Revue berichten.

DER PLAN DER REVUE

Die Revue beginnt heute eine Veröffentlichung, deren Thema über das rein Journalistische weit hinausgeht. In ihrem Mittelpunkt steht ein einfacher, aber in wenigen Monaten zur Berühmtheit emporgestiegener Mann, Bruno Gröning, der in Herford und anderen Städten die für unheilbar gehaltenen Leiden Tausender von Kranken auf wunderbare, rätselhafte Weise heilte oder besserte. Kein Politiker, kein Wirtschaftler, kein Künstler hat in den Nachkriegsjahren die Menschen so bewegt, wie es Bruno Gröning getan hat. Auch die anderen Länder, sogar England und Amerika, wurden durch die Ausstrahlung seines Ruhmes und die sensationellen Presseberichte, die zwischen Lobpreisung, Skepsis und überheblicher Ablehnung schwankten, berührt. Die höhnische Verachtung nährte sich von Sensationen, unkontrollierten Gerüchten und sich widersprechenden Erzählungen. Sie entbehrte fast überall des nötigen Ernstes, der Verantwortung, der Unvoreingenommenheit und des Wissens um die Bedeutung des Problems, das durch Bruno Gröning über Nacht aus dem engeren Bereich medizinischer Fachauseinandersetzungen in die Oeffentlichkeit getragen worden ist.

Die medizinischen Fachmitarbeiter der Revue waren in einem anderen Zusammenhang schon seit längerer Zeit mit der Frage der seelischen Ursachen der meisten Krankheiten und mit dem Studium der in Deutschland häufig unbeachteten Entwicklung der entsprechenden Forschungen in der ausserdeutschen Welt beschäftigt. Es ging im Falle Gröning nicht nur um die Person des Wunderdoktors, sondern um die bedeutungsvolle Frage der psychischen, das heisst seelischen Ursachen der Krankheiten und um die Berücksichtigung dieser Ursachen in der psychotherapeutischen Behandlung der Patienten. Gröning mochte ein Phänomen auf dem Gebiet seelischer Krankenbehandlung sein. Als daher in Norddeutschland die Kampagne um Gröning, vor dessen Wirkungsstätte sich an manchen Tagen bis zu sechstausend Menschen versammelten, immer chaotischere Formen annahm, fasst die Revue einen für eine Illustrierte ungewöhnlichen Entschluss.

Der Gegensatz zwischen den zahllosen Anhängern und den wenigen, aber einflussreichen Widersachern Grönings war inzwischen ins Unerträgliche gewachsen. Eine Ärztekommission und die Behörden in Herford erteilten Gröning Heilverbot. In Herford, Hamburg und vielen anderen Städten warteten jedoch Tausende von Kranken weiterhin auf die Hilfe des Wundermannes. Der beamteten Instanzen bemächtigte sich schliesslich eine grosse Ratlosigkeit dem Phänomen Gröning gegenüber, so dass man für dieses Phänomen selbst ein unglückliches Ende befürchten musste. Würde Gröning aufgerieben werden zwischen der Macht der Gegner und der Macht der Gläubigen? Würde der einfache, intellektuell unbeholfene, aber von echtem Sendungsbewusstsein und ehrlicher Hilfsbereitschaft erfüllte Mensch Gröning durch "Förderer" untergehen, die sich an ihn herangemacht hatten, aus seiner Heilkraft Kapital schlagen wollten und den Gegnern zahlreiche Blössen boten? Oder würde sich ein medizinisches oder anderes wissenschaftliches Institut in Deutschland dazu bereit erklären, wozu in den USA heute jede grössere Klinik ohne weiteres bereit wäre, nämlich Bruno Gröning aus ehrlichem Forschungsdrang heraus die Möglichkeiten geben, seine Fähigkeiten klinisch zu überprüfen? Nach fruchtlosen Erörterungen war Ende Juni zu befürchten, dass Gröning aufgerieben werden würde. Die Frage, ob ihm ein wunderbares heilsames seelisches Beeinflussungsvermögen zuerkannt oder aber ihm attestiert werden muss, dass seine vermeintlichen Fähigkeiten Irrtum seien, ja Scharlatanerie darstellen, blieb für Millionen von Leidenden unbeantwortet.

Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich die Revue, einen Sonderkorrespondentenstab, bestehend aus Helmut Laux, Heinz Bongartz und einem Wissenschaftler, dem Marburger Psychologen und Mediziner Prof. Dr. H.G. Fischer, nach Norddeutschland zu entsenden. Der Stab sollte Gröning, dessen Spuren sich bereits zu verwischen begannen, aufsuchen. Er sollte sich durch genaue Untersuchungen einer grösseren Reihe der von Gröning behandelten Fälle von den Erfolgen oder Misserfolgen seiner Heilungen überzeugen. Im Falle eines positiven Ausgangs dieser Voruntersuchung sollte der Revue-Stab sich ein Bild von den Verhältnissen um Gröning und von der Person Grönings selbst machen. Je nach dem Ergebnis dieser Ermittlungen hatte der Stab den Auftrag und die Mittel, Gröning von dem möglicherweise ungünstigen Einfluss seiner Umgebung zu trennen und ihm einen Weg aus dem erstickenden Tohuwabohu zwischen Gläubigen, Ärzten und bürokratischen Instanzen zu ebnen. Nach Erlangung seines Einverständnisses sollte Gröning in einem unbekannten, abgelegenen Ort ein Asyl erhalten. Gleichzeitig wurden von dem Revue-Stab Vorbereitungen getroffen, um bei einem günstigen Ausgang der Voruntersuchungen die Bereitschaft einer führenden deutschen Universitätsklinik zur Mitarbeit zu gewinnen. Sie sollte Gröning im Kreise eines Gremiums von Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Im Falle eines Erfolges sollte ihm der Weg zu weiterem Wirken geebnet werden. Im Falle eines Misserfolges sollte ein klarer unanfechtbarer Bericht die Oeffentlichkeit von dem negativen Ergebnis unterrichten. Dies war der Plan der Revue.

Seine Verwirklichung begann am 28. Juni 1949. Sie erbrachte Schwierigkeiten, Abenteuer und Überraschungen. Aber der Plan gelang, ohne dass die Oeffentlichkeit – im Interesse der Sache – bis heute davon erfahren durfte. Für sie war Gröning seit dem 29. Juni 1949, 23.45 Uhr, in Hamburg verschwunden. Heute nun beginnt die Revue mit dem eingehenden Bericht der Korrespondenten und der leitenden Ärzte über die Vorgeschichte und Geschichte des grössten und erstaunlichsten medizinischen Experimentes, das je mit Hilfe einer Zeitschrift ermöglicht wurde.

Bruno Gröning: Phänomen eines Seelenarztes

Von Helmut Laux und Heinz Bongartz unter wissenschaftlicher Leitung des Psychologen Professor Fischer

Auf den Spuren Bruno Grönings
Die Einstellung der Ärzte

Wir fuhren am 29. Juni, genau an dem Tag, an dem Gröning in Hamburg plötzlich spurlos verschwand, von Frankfurt ab. Wir Journalisten waren natürlich neugierig, Professor Fischer war zurückhaltend, obwohl auch er seine Neugier nicht ganz verbergen konnte. Aber er war entschlossen, mit Systematik an den Fall Gröning heranzugehen und sich nur langsam und gewissenhaft ein Urteil zu bilden. Unsere Zusammenarbeit mit Professor Fischer war vom ersten Tage an ausgezeichnet. Er hatte die übliche medizinische Schule durchlaufen. Er war in der Lage, als Schulmediziner Krankheitsbefunde, deren Verschlimmerung oder Heilung zu beurteilen. Andererseits war er Psychologe und praktizierte mit Hilfe der Psychoanalyse (Seelenforschung) und der Psychotherapie (Seelenheilkunde). In den Bereich der Seelenheilkunde musste Grönings Methode aber fallen, wenn sie sich tatsächlich als wirksam erwies. Es sei denn, Gröning verfügte über andere Kräfte, die auch der Psychotherapie bis heute noch unbekannt sind.

Wir kamen am Abend des 29. Juni in Bielefeld an, und der Zufall einer früheren Bekanntschaft Professor Fischers führte uns zuerst zu einer Begegnung mit dem Leiter der Heilanstalten in Bethel, Professor Schorsch. Professor Schorsch hatte in der Ärztekommission, die durch ihre Entscheidung zu dem Heilverbot für Gröning beigetragen hatte, eine wesentliche Rolle gespielt. Uns Presseleute wollte er gar nicht erst sehen, er empfing nur Professor Fischer und unterrichtete ihn über den Eindruck, den er von Gröning hatte: "Er ist ein ganz primitiver Mensch, vor allen Dingen hat er kein -"Charisma"-." Für diejenigen, die das Wort nicht kennen, müssen wir hinzufügen, dass die Wissenschaftler darunter Sendungsbewusstsein verstehen. Schorsch meinte, das religiöse Sendungsbewusstsein, von dem Gröning in Herford und auch an anderer Stelle häufig geredet habe, sei reines Theater. Er handle vielmehr aus Egoismus und Selbstüberheblichkeit. Schorsch zeigte uns zum Beweis seiner Worte ein graphologisches Gutachten, welches dasselbe aussagte. Professor Fischer nahm sein Urteil zur Kenntnis. Professor Schorsch machte übrigens nicht den Eindruck bewusster Voreingenommenheit. Er schien etwas uninteressiert. Er war rundlich und gemütlich, und es sah so aus, als wolle er am liebsten von dem Falle Gröning überhaupt nicht mehr hören. Wahrscheinlich stürzte er sich nicht gerne in seelische Erregungen und wollte keine weiteren Ungelegenheiten haben. Er meinte, wir sollten uns nicht auf sein Urteil verlassen, sondern selbst in den Fall eindringen.

Professor Dr. Wolf, der Chefarzt der Städtischen Krankenanstalten in Bielefeld, zeigte sich aufgeschlossener. Er schien durchaus unserer Ansicht zu sein, dass der Fall Gröning ohne Vorbehalte geprüft werden müsse. Er wies aber darauf hin, dass man Gröning bekanntlich angeboten habe, in Kliniken seine Kunst unter Beweis zu stellen. Was solle er davon halten, dass Gröning dieses Angebot abgelehnt habe. Ob man es den Ärzten verdenken könne, wenn sie einen Mann mit ausserordentlicher Skepsis verfolgten, der sich weigerte, vor ihnen seine Fähigkeiten zu zeigen?

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Warum, so fragten wir uns natürlich auch, war Gröning einer solchen klinischen Beobachtung und Begutachtung seiner Behandlungsmethode ausgewichen? Hatte Gröning Grund, Professor Wolfs Objektivität anzuzweifeln? Als Professor Fischer einige Wochen später Gröning veranlasste, vor den Ärzten der Bielefelder Städtischen Krankenanstalten zu praktizieren, musste er leider erleben, dass auch dort nur eine Absicht bestand, nämlich Gröning bei scheinbarem Entgegenkommen zu vernichten, indem man ihn lediglich an Fälle heranführte, denen niemand mehr helfen konnte, auch Gröning nicht. Professor Fischer musste deshalb darauf verzichten, Grönings Methoden vor den Bielefelder Ärzten begutachten zu lassen.

Ferner hiess es, dass der Detmolder Amtsarzt Dr. Dyes Gröning gegenüber geäussert hatte, er könne so viel Beweise seiner Heilkunst erbringen wie er wolle, man werde ihn doch an der Arbeit hindern! Professor Fischer fragte daher von Herford aus bei Dr. Dyes telefonisch an, und Dr. Dyes machte aus seiner Äusserung keinen Hehl. Auf ihn habe Gröning einen schlechten Eindruck gemacht. Dr. Dyes war voll von aerztlichen Hochmut und mit seiner eigenen Haltung ausserordentlich zufrieden.

Gröning hatte auf diese Weise jedes Vertrauen an eine objektive Einstellung der Ärzte verlieren müssen, so dass es ihm nicht verübelt werden konnte, wenn er auf die angebotenen Krankenhausexperimente nicht eingegangen war. Der wache Instinkt des ursprünglich einfachen Menschen hatte die unfairen Absichten, die auf ihn lauerten, gespürt.

Die Flut chronischer Krankheiten, die seelisch bedingt sind

Am 30. Juni begannen wir zunächst in Nordrhein-Westfalen, anschliessend aber bis in den Raum von Hamburg hinauf mit der Untersuchung von Patienten, die Gröning behandelt und dem Vernehmen nach geheilt hatte. Dies war leichter gesagt als getan.

Die von Gröning behandelten Kranken waren in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Niemand hatte ihre Namen und Adressen genau festgehalten. Gröning hatte in der Art eines Wanderheilkundigen im wahrsten Sinne des Wortes wild drauflos behandelt, und ausser Erzählungen, Pressenotizen, Behauptungen und Gerüchten gab es auch auf seiten seiner Anhänger keinerlei exaktes Material über seine Tätigkeit. Wir hätten wahrscheinlich erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, wenn uns nicht ein reiner Zufall in Bielefeld mit einem Manne zusammengeführt hätte, der schon vor uns versucht hatte, sich einen gewissen Überblick über die tatsächlichen Erfolge Grönings zu verschaffen.

Dieser Mann war der Bezirksdirektor einer Krankenkasse, namens Lanzenrath, klug, sachlich und mit Weitblick. Ihm war es gelungen, bis in die "Gefolgschaft" vorzudringen, die sich – sei es aus Gläubigen, sei es aus Geschäftemachern, darüber konnten wir damals noch nicht urteilen – um Gröning gebildet hatte und nach dessen Abreise nach Hamburg zum Teil im Hause Hülsmann in Herford, wo Gröning gewirkt hatte, zurückgeblieben war. Von Grönings Fähigkeit, zahlreiche Krankheiten zu beeinflussen und zu heilen, war er ebenso überzeugt wie von seiner persönlichen Bescheidenheit. Aber er befürchtete, dass die "Gefolgschaft" die guten Eigenschaften Grönings auf falsche Wege lenken würde. Lanzenrath selbst war uns gegenüber zunächst misstrauisch. Aber auch hier war es Professor Fischer, der unserer Gruppe die Türen öffnete und Lanzenrath dazu bewog, uns weiterzuhelfen und uns aus seiner Kenntnis heraus Fälle zu nennen, aus deren genauer Untersuchung man Schlüsse auf die Ernsthaftigkeit des Phänomens Gröning ziehen konnte. Die Motive, die Lanzenrath in die Umgebung von Gröning geführt hatten, waren übrigens ausserordentlich interessant. Zwar hatte auch ihn eine Krankheit, ein schmerzhaftes Nierenleiden, zu Gröning geführt. Seitdem war er – zwei Monate waren inzwischen vergangen – schmerzfrei geblieben. Gleichzeitig aber hatte ihn das Schicksal der Krankenkassen veranlasst, Verbindung zu Gröning zu suchen. Er erzählte uns, dass die deutschen Krankenkassen von finanziellen Zusammenbrüchen bedroht seien, weil sie sich geradezu einem Meer von chronischen Krankheiten gegenüber sehen, die einfach nicht heilen wollen. Er bestätigte damit natürlich etwas, das den Psychotherapeuten, die aufmerksam unsere Zeit beobachten, durchaus bekannt ist. Der zweite Weltkrieg mit allen seinen Erschütterungen hat eine wahre Flut von Krankheiten hinterlassen, die zum überwiegenden Teil seelische Ursachen haben, sich aber in organischen Erscheinungen äussern, angefangen von der Unzahl der Magenerkrankungen und rheumatischen Erkrankungen bis zu den ausgesprochenen Neurosen oder Lähmungen. Die Psychologen haben für diese Krankheiten den Begriff der sogenannten psychosomatischen Krankheiten geschaffen. Nach der Währungsreform konnte man statistisch ein neues Anschwellen der Zahl von Krankheiten feststellen, die früher niemals in diesem Umfang aufgetaucht waren und die man nur schwerlich auf organische Ursachen zurückführen konnte. Lanzenrath hatte in der Tat gehofft, bei Gröning eine Heilmethode zu finden, die vielleicht einmal zur Erleichterung der überlasteten Kassen dienen könne. Lanzenrath hatte eine grössere Anzahl von Behandlungen und Heilungen genau verfolgt. Er führte uns zunächst an etwa 20 Fälle heran, bei denen wir im Zeitraum einer Woche durch sorgfältige Analysen und Untersuchen und, sofern möglich, durch Unterredungen mit den jeweiligen Hausärzten die für uns entscheidende Frage zu klären suchten: kann Gröning heilen?

Am 8. Juli übersahen wir die Ergebnisse der 20 Untersuchungen. Unter den 20 Fällen waren 7, die vielleicht interessant und hier und da sogar etwas geheimnisvoll waren, aber kein klares Bild ergaben für oder gegen Gröning. Da wir uns ausgerechnet zuerst mit diesen 7 Fällen abmühten, waren wir am dritten Tag der Untersuchungen geneigt, zu verzweifeln. Wenigstens galt das für uns Laien.

Das Wohnungsamt

Da war etwa der Fall Klüglich in Bielefeld. Klüglich, ein kleiner Angestellter, hatte während des Krieges einen Nierendurchschuss bekommen. Die verletzte Niere funktionierte nur noch beschränkt. Nach dem Krieg befiel die zweite Niere eine heftige Entzündung, die schliesslich so weit fortschritt, dass die behandelnden Ärzte an eine Operation dachten. Röntgenaufnahmen und sonstige Befunde lagen uns vor. Vor Pfingsten hatte Klüglich sich durch einen Brief über Lanzenrath an Gröning gewandt. Dieser hatte zunächst "ferngeheilt" und Klüglich gebeten, genau zu beobachten, was sich in den nächsten Tagen in seinem Körper ereignen werde. Klüglich stellte eine gesteigerte Nierentätigkeit, viel tief gefärbten Urin und danach eine wachsende Erleichterung seiner Beschwerden fest.

Auch der behandelnde Arzt konstatierte eine Besserung. Gröning besuchte Klüglich anschliessend persönlich, und die Besserung hielt an. Klüglich hatte das Bett verlassen und unternahm Spaziergänge. Doch in dem Augenblick, in dem wir ihn besuchten und Professor Fischer ihn untersuchte, hatte sich sein Zustand wieder verschlimmert. Der Professor fand schnell heraus, dass Klüglich auf Grund seiner Krankheit durch das Wohnungsamt ein zusätzliches Zimmer bekommen hatte. Auf Grund der schnell umlaufenden Nachrichten über seine "Heilung" hatte das Wohnungsamt ihm mitgeteilt, es müsse ihm unter diesen Umständen das Zimmer wieder entziehen. Am gleichen Tage setzte die Verschlimmerung seines Zustandes wieder ein. Es handelte sich offenbar um keine Simulation, sondern um eine echte Verschlimmerung, die aber zweifellos auf eine seelische Ursache, nämlich die Angst vor dem Verlust des Zimmers und die Gedankenverbindung Krankheit und Besitz des Zimmers, zurückzuführen war. Von einer Heilung zu sprechen, war natürlich Unsinn. Die Schulmedizin konnte in diesem Fall darauf hinweisen, dass es Gröning lediglich gelungen war, den Kranken aus einer tiefen Lethargie zu reissen und dadurch vorübergehend seine Widerstandskraft zu erhöhen. Sie gab zwar damit die unmittelbare Verbindung von seelischer Behandlung und körperlicher Widerstandskraft bei Krankheiten zu, hatte aber recht, wenn sie die These einer Heilung zurückwies. Offen blieb natürlich die Frage, was Gröning bei einer fortgesetzten Beeinflussung hätte erreichen können.

Sie sass auf ihrer Ladenkasse

Da war zweitens der Fall der Frau W., ebenfalls in Bielefeld. Sie war Witwe und Besitzerin eines Fahrradgeschäftes. Von einem Sessel in der Küche aus, die hinter ihrem Laden lag, beherrschte sie das Geschäft und die Familie. Seit 15 Jahren litt sie nachweislich an Gehbeschwerden und wassersüchtigen Anschwellungen in den Beinen. Herz und Nierentätigkeit waren jedoch normal. Dagegen gab es Anzeichen eines verschleppten Gelenkrheuma. Gröning hatte ihr eine halbe Stunde gegenübergesessen und ihr baldige Besserung vorausgesagt. Seitdem konnte sie wieder über den Hof gehen und fühlte sich recht wohl. Der Professor stellte fest, dass die Oedeme nur geringfügig waren. Eine Untersuchung mit der behandelnden Ärztin ergab ebenfalls die Feststellung eines fühlbaren Rückganges der Anschwellungen, seitdem Gröning Frau W. besucht hatte. In letzter Zeit schienen die Beschwerden jedoch wieder leicht zuzunehmen. Hatte auch hier eine psychische Aufmunterung und Belebung eine vorübergehende Besserung gebracht, die zwar wiederum die enge Verbindung von Seelenzustand und Krankheit zeigte, aber für uns nicht beweiskräftig genug war? Es sei denn, man erhofft auch hier durch eine laufende Behandlung Grönings einen fortschreitenden und endgültigen Erfolg. Interessant war die Feststellung, dass Frau W. seit vielen Jahren auf ihrer Ladenkasse sass und dass aus dem Zwangskomplex, die Kasse ununterbrochen behüten zu müssen, die an Lähmung grenzenden Gehbeschwerden eine entscheidende Förderung erhalten haben konnten. Wahrscheinlich hatte Gröning auch diesen Zwangskomplex vorübergehend beseitigt, was immerhin eine bemerkenswerte Leistung blieb, für die ein normaler Psychotherapeut nicht eine halbe Stunde, sondern Tage oder gar Wochen benötigt hätte. Aber auch diese Leistung reichte nicht aus, um etwas so Ungewöhnliches hinter Gröning zu suchen, dass wir für grosse klinische Experimente hätten eintreten können.

Gröning gab ihr eine Silberkugel ...

Da war schliesslich der Fall Schwerdt in Bielefeld. Es handelte sich hier um zwei Patienten. Um ein Mädchen, Tochter eines kleinen Beamten oder Angestellten, deren Mutter einen bedrückenden Einfluss auf die Tochter ausübte. Zweitens um einen Mann der eine Fabrik besass und allem Anschein nach von seiner erbsüchtigen Verwandtschaft überwacht wurde. Der Mann und das Mädchen waren ein Verhältnis miteinander eingegangen, wodurch der Mann in heftige Konflikte mit seiner Familie geriet. Das Mädchen sah sich dauernden Vorwürfen der Mutter gegenüber, die nichts von der Sache mit dem reichen Mann wissen wollte, weil "daraus nichts werden könne". Beide, der Mann und das Mädchen, verloren schliesslich den Mut. Sie trennten sich. Das Mädchen erkrankte an einer ungewöhnlich schweren Herzneurose, die sie zu dauerndem Liegen zwang. Der Mann verunglückte um die gleiche Zeit und blieb im Bett liegen, auch als die Verletzung längst ausgeheilt war. Es trieb ihn zu der Geliebten. Um diesem Trieb nicht zu folgen, steigerte er sich in sein Kranksein hinein und verschanzte sich in seinem Bett. Gröning behandelte den Fall. Er erwirkte durch einen ersten Besuch bei dem Mädchen eine wesentliche Besserung, so dass Fräulein Schwerdt das Bett verlassen konnte. Sie besuchte dann Gröning und nannte ihm zusammen mit anderen Namen von Kranken, denen er helfen müsse, auch den Namen des Fabrikanten, ohne sich näher über ihn zu äussern. Aber Gröning ahnte offenbar die wirklichen Zusammenhänge. Er zog das Silberpapier einer Zigarettenpackung aus seiner Tasche, knüllte es in seiner Faust zusammen und gab die so entstandene Kugel dem Mädchen mit dem Befehl, sie so lange in der Hand zu halten, bis sie sie dem genannten Manne persönlich in die Hand geben könne. Er werde dann gesund werden. Fräulein Schwerdt trug die Kugel 36 Stunden in der Hand.

Unterdessen hörte der Mann durch die überall herumjagenden Gerüchte von Grönings Erfolgen und seiner Anweisung an Fräulein Schwerdt. Die Neugier trieb ihn aus dem Bett und zu dem Mädchen. Das zerrissene Verhältnis wurde dadurch wieder hergestellt und beide fühlten sich wieder gesund. Auf Professor Fischers Frage, ob sie beide sich denn nun wieder regelmässig sähen, erklärte das Mädchen: "Ja – leider." Der eigentliche Konflikt, der das ganze Unheil herbeigeführt hatte, die Spannungen mit der Mutter beziehungsweise mit der Verwandtschaft waren also – denn sie sagte "leider" – nicht ausgeräumt und konnten über kurz oder lang den alten Zustand wieder hervorrufen.

Der Eindruck auch dieses Falles war zwiespältig. Aber immerhin, Gröning hatte auch hier ein durch seelische Komplexe hervorgerufenes Leiden in erstaunlich kurzer Zeit beseitigt, mit bemerkenswerter Einfühlungsgabe richtig die Zusammenhänge erkannt und mit der Kügelchenmethode einen Kunstgriff angewandt, dessen sich der beste Psychotherapeut nicht zu schämen brauchte. Er hatte allerdings übersehen, dass der auslösende Komplex erhalten geblieben war. Der Fall Schwerdt war der erste Fall, der Professor Fischer für Gröning einzunehmen begann. Wenn sonst nichts Ungewöhnliches an Gröning zu finden sein würde, man konnte nicht leugnen, dass er eine überraschende Naturbegabung zum Psychotherapeuten besass.

Das streikende Motorrad

Überaus merkwürdig war der sogenannte Fall Wehmeyer. Wehmeyer war ein Fuhrunternehmer in Herford. Tätig, kräftig, mit gesunden Nerven, bestimmt nicht dazu geeignet, sich etwas vorzumachen. Er hatte also auch Gröning aufgesucht, um Hilfe für seine Frau zu finden, die wegen eines, im einzelnen nicht genau festlegbaren chronischen Krankheitszustandes in einer Klinik in Münster lag. Gröning hatte ihm dabei erklärt: "Ihre Frau wird den Wunsch äussern, in einer bestimmten Zeit nach Hause zu kommen. Sie selbst dürfen aber nicht vorher hinfahren und Ihre Frau zu dieser Heimkehr veranlassen." Wehmeyer war, wie gesagt, ein Mann, der weder an Hellseherei glaubte, noch sich gerne Vorschriften machen liess. Er sattelte also entgegen den Anweisungen Grönings sein Motorrad und machte sich auf den Weg nach Münster zu seiner Frau. Dabei nun ereignete sich der merkwürdige Vorfall, mit dem er einfach nicht fertig wurde: Unterwegs streikte das Motorrad. In Bielefeld begab er sich damit zu einer Reparaturwerkstätte. Diese untersuchte das Rad von oben bis unten, das Rad war in Ordnung. Es hätte fahren müssen. Der Monteur wechselte die Kerzen, tat alles mögliche, er begriff nicht, wieso das Motorrad nicht fuhr. Er sagte ratlos, Herr Wehmeyer solle am besten wieder nach Hause fahren. Wehmeyer machte sich auf den Rückweg. Und in dem Augenblick, in dem er wieder Kurs auf Herford nahm, lief das Motorrad, als ob ihm nie etwas gefehlt hätte. Er wendete erfreut. Sofort stand es still. In Richtung Münster lief es nicht.

Noch ganz ergriffen von diesem geradezu spukhaften Ereignis reiste Wehmeyer dann einige Zeit darauf mit der Bahn nach Münster. Dort äusserte seine Frau tatsächlich spontan, sie möchte sofort nach Hause. Sie fühlte sich wesentlich besser und auch der Abteilungsarzt erklärte, dass er mit seiner Behandlung nun fertig sei.

Von Gröning behandelte Kranke, die Professor Dr. Fischer aufsuchte, bevor er mit Gröning selbst zusammentraf.

Der nierenkranke Herr Klüglich in Bielefeld, der in ständiger Operationsfurcht lebte. Unser Bericht schildert, in welcher Verfassung der von der Revue beauftragte Prof. Fischer ihn Wochen nach Grönings Behandlung antraf.

Das Töchterchen der Hamburger Familie Mendt bewies Prof. Fischer, dass der Gröning-Effekt für die Medizin nutzbar gemacht werden muss. Gröning hatte auf spinale Kinderlähmung erfolgreich psychotherapeutisch eingewirkt.

Frau Wehmayer. Als Prof. Fischer sie aufsuchte und von ihren Krankenhausaufenthalten hörte, war er über Grönings Ferneinwirkung und dem Erlebnis, das ihr Mann erzählte (siehe Bericht), sehr beeindruckt.

Fräulein Schwerdt schilderte Prof. Fischer die im Bericht beschriebene Begegnung mit Gröning, wie er sie mit Hilfe der Silberpapierkugel zu dem Mann zurückführte, den sie liebte und wie er beide heilte.

Frau W., die in Bielefeld die Fahrradhandlung ihres 1946 verstorbenen Mannes führt. Prof. Fischer unterhielt sich mit der Ärztin, die vor Gröning die langwierige und aussichtslos scheinende Behandlung vorgenommen hatte.

Der nüchterne Geschäftsmann Kargesmeier in Bad Oeynhausen, dem keine Operation die qualvollen, durch Trigeminusneuralgie verursachten Schmerzen nahm. Nach Grönings Behandlung traf ihn Professor Fischer gesund an.

Am Bett von Frau E. sitzt Dr. Morters, der die Patientin vor Grönings Einwirken behandelte. Auch dieser Fall veranlasste Revue, Ärzte einer Universitätsklinik von der Notwendigkeit einer klinischen Erprobung zu überzeugen, über die Revue in der nächsten Nummer berichtet.

Der heisse Strom
Ein ungewöhnlicher Anfangserfolg

Am fünften Tage unserer Untersuchung erlebten wir die erste wirklich grosse Überraschung. Und von diesem Tage an folgte eine Überraschung der anderen, um schliesslich zu einem Vorkommnis zu führen, dass man ohne Übertreibung als eine Sensation bezeichnen musste.

Wir waren nach Hamburg gefahren, weil Lanzenrath dort einen Fall kannte, der ihm besonders eindrucksvoll zu sein schien. Der Fall war ausserdem aerztlich gut beobachtet worden. Es handelte sich um das Töchterchen eines Herrn Mendt, der eine Autoreparaturwerkstätte in Hamburg unterhielt. Das Kind hatte eine spinale Kinderlähmung überstanden, aber Lähmungserscheinungen in den Beinen zurückbehalten.

revue1bild4.jpg (11558 Byte)Es gab hier eine genaue, sorgfältig erarbeitete Vorgeschichte mit klarer Diagnose. Gröning hatte das Kind auf seine übliche Weise behandelt, durch ruhiges Gegenübersitzen, langsame Fragen nach seinen körperlichen Empfindungen, allenfalls durch ein leichtes Streichen mit der Hand. Dann hatte er den Auftrag zurückgelassen, in den kommenden Tagen die weiteren Empfindungen des Kindes genau aufzuzeichnen. Dies war sorgfältig geschehen und Professor Fischer las nun, dass das Kind ziehende Schmerzen in den Beinen in Richtung auf das Kreuz verspürt hatte. Sie steigerten sich und machten einer zunehmenden Wärme und starken Durchblutung der gelähmten Beine Platz. Das Kind begann wieder Bewegungen zu machen, zu denen es vorher nicht in der Lage gewesen war. Professor Fischer untersuchte die Glieder des Kindes genau und fand, dass sie erstaunlich gut durchblutet waren. Die ganzen Vorgänge erinnerten ihn an das Prinzip des "autogenen Trainings", ohne dass es allerdings bisher gelungen wäre, diese Methode bei spinaler Kinderlähmung erfolgreich anzuwenden. Das "autogene Training" wurde von Prof. I.H. Schulz, ehemals Dozent für Psychotherapie an der Universität Jena, entwickelt und in Deutschland gelehrt. Schulz‘ Methoden waren im Grunde nichts anderes als die Anwendung der alten berühmten und für jeden Europäer geheimnisvollen Praxis der indischen Joga auf die moderne europäische Medizin. Sie setzte aber die von ihm ausgebildeten Ärzte in den Stand, durch eine seelische Beeinflussung, die mit Hypnose nicht verwechselt werden darf, den Blutkreislauf ihrer Patienten in bestimmte Körperteile zu lenken. Das gelang ihnen nicht in allen Fällen. Vor allen Dingen erforderte es wochenlange, manchmal monatelange Mühe, die wirklich den Namen "Training" verdiente. Hier im Falle Mendt hatte Gröning einen Anfangserfolg errungen, der ganz ungewöhnlich war. Selbst wenn ein medizinisch ausgebildeter Psychotherapeut diesen Fall angegangen wäre, hätte er im besten Fall viele Wochen gebraucht, um das Ergebnis zu erreichen, das Gröning in einer halben Stunde zuwege gebracht hatte. Fischer hatte noch eine lange Unterredung mit dem Hamburger Professor Burckhard, und beide waren durch den Erfolg so gepackt, dass Professor Fischer zum ersten Male äusserte, er sei jetzt der Ansicht, dass Gröning über ungewöhnliche psychotherapeutische Kräfte, vielleicht über ein eigenes Strahlenfeld oder irgend etwas anderes verfüge, das im grossen klinischen Versuch erforscht werden müsse. Ebenso müsse die Beeinflussungsmöglichkeit spinaler Kinderlähmung und deren Folgeerscheinungen durch eine laufende Behandlung über längere Zeit beobachtet werden.

Kein Arzt konnte ihm helfen

revue1bild5.jpg (35792 Byte)Schon der folgende Tag brachte eine neue, eindrucksvolle Überraschung. Lanzenrath hatte uns zu einem weiteren Patienten Grönings geführt, einem Herrn Kargesmeyer in Bad Oeynhausen. Kargesmeyer war 47 Jahre alt und litt seit seinem zweiten Lebensjahr an Kopfschmerzen, die sich im Laufe der Zeit zu einer schweren Trigeminusneuralgie entwickelten. Hierunter versteht man Schmerzen der Gesichtsnerven, die zu den furchtbarsten Leiden gehören, die es gibt. Die Heftigkeit dieser Schmerzen kann Menschen zum Selbstmord treiben. Das Leiden ist durch den normalen Arzt kaum zu beeinflussen. Die Schmerzlinderung durch Medikamente bleibt unvollkommen. In ganz verzweifelten Fällen versucht man, die Nerven durch Alkoholeinspritzungen zu veröden oder einfach durchzutrennen. Jedesmal handelt es sich um schwierige und im Ergebnis keineswegs sichere Eingriffe. Kargesmeyer war verschiedentlich operiert worden. Schliesslich hatte man in einer Klinik in Münster durch eine Radikaloperation Mandeln und Nebenhöhlen ausgeräumt, weil vermutet wurde, dass dort lokalisierte Entzündungsherde die Ursache der Gesichtsschmerzen seien. Die Operation war ohne Einfluss auf die Neuralgie geblieben. Natürlich war es möglich, dass die genannten Entzündungen ursprünglich die Neuralgie hervorgerufen hatten. Aber nach ihrer Entfernung war der Schmerz in den Gesichtnerven "fixiert" geblieben, ähnlich den furchtbaren Schmerzen, die häufig Amputierte in den Nerven der Amputationsstümpfe empfinden und dabei den Eindruck haben, als durchziehe der Schmerz den ganzen nicht mehr vorhandenen Arm oder ein amputiertes Bein. Gröning hatte Kargesmeyer behandelt. Er hatte ihn aufgefordert, den Kopf fest zwischen die Hände zu nehmen.

Danach empfand Kargesmeyer einen heissen Strom im Gesicht. Der Schmerz hielt noch einige Tage an, verschwand dann aber von Tag zu Tag mehr. Er war schon seit vier Wochen schmerzfrei.

Auch hier hatte offenbar eine ungewöhnliche Fähigkeit zur Blutkreislenkung zum Erfolg geführt. Vielleicht waren auch noch andere Faktoren wirksam. Aber das konnte in diesem Augenblick für uns keine Rolle spielen. Bisher waren nur verschwindend wenige Fälle von Behandlung der Trigeminusneuralgie durch Psychotherapie bekannt. Und auch dabei hatte es Wochen und Monate gedauert, bis man einen Erfolg erreichte. Gröning hatte es in einer kurzen Sitzung geschafft – eine bis heute beispiellose Leistung.

Der berühmte Fall Dieter Hülsmann

Am nächsten Tage waren wir wieder in Herford, und Lanzenrath schlug Fischer vor, sich noch den Fall Dieter Hülsmann anzusehen. Es handelte sich um den neunjährigen Sohn des Ingenieurs Hülsmann, durch dessen angebliche Heilung Gröning aus seiner Verborgenheit herausgehoben worden war. Wir betraten zum ersten Male das Haus, von dem Grönings Ruhm ausgegangen war und in dem er sich bis vor kurzem aufgehalten hatte. Dieter Hülsmann hatte niemals richtig gehen gelernt. Man hatte aber den wirklichen Charakter seines Leidens nicht erkannt. Lange Zeit war er in Gipsverbände gepresst worden. Schliesslich hatte man in der Universitätsklinik in Münster progressive Muskeldystrophie, also fortschreitenden Muskelschwund, festgestellt.

Nach anschliessendem, fast einjährigem Aufenthalt in Bethel erklärte einer der dortigen Ärzte: "Sie können den Jungen hierlassen. Sie können den Jungen auch mit nach Hause nehmen. Helfen kann ihm niemand." Das Kind konnte schliesslich nicht mehr sitzen, hatte eiskalte Beine. Angewärmte Decken, Wärmflaschen und Heizkissen waren nicht in der Lage, die dauernde Kälte und Gefühllosigkeit zu beseitigen. In diesem Zustand hatte Gröning eine einmalige Behandlung vorgenommen. Der Junge empfand kurz darauf heftiges Brennen im Rücken und eine plötzliche Durchwärmung der Beine. Sie hielt an und führte dazu, dass der Junge, wenn auch schaukelnd, wieder gehen konnte.

Der Fall Dieter Hülsmann war am heftigsten in den Streit der Meinungen gezerrt worden, und auf beiden Seiten hatte man sich unhaltbaren Übertreibungen hingegeben. Es konnte sicherlich nicht von einer Heilung die Rede sein. Aber ebenso war die Behauptung, es habe sich durch Grönings Behandlung nichts geändert, eine boshafte Entstellung. Professor Fischer war nach genauerer Untersuchung der Ansicht, dass es sich in Wirklichkeit um eine neurotische progressive Muskelatrophie handelte, also um eine Degeneration des Nervs, der sich vom Rückenmark zu den Muskeln hinzieht und offenbar deren Ernährung und Entwicklung beeinflusst. Den Ausgangspunkt der Degeneration bilden wahrscheinlich die Vorderhornzellen. In sie münden die Nervenfasern, die vom Grosshirn kommen, ein. Ohne dass diese Fasern unmittelbare Berührung mit den Nerven hatten, die zu den Muskeln führen, findet hier eine Übertragung oder Umschaltung der vom Gehirn kommenden Impulse statt. Es war nicht zu leugnen, dass die degenerierten Nerven eine ungewöhnliche Belebung erfahren und diese Belebung an die Muskeln der Beine weitergegeben hatten. Das, was uns jedoch am meisten erstaunte, war die Tatsache, dass Gröning eine Diagnose gestellt hatte, die der anatomischen Wirklichkeit geradezu unheimlich nahekam.

Kargesmeyer hatte schon behauptet, Gröning habe ihm, ohne ihn zu befragen, gesagt, dass er an Gesichtsschmerzen leide und dass diese ihn schon seit seinem zweiten Lebensjahr quälten. Wir hatten die für die Übertreibung eines dankbaren Patienten gehalten. Bei Dieter Hülsmann lag jedoch ein klarer, von Zeugen bestätigter Bericht über Grönings Diagnose vor. Gröning hatte von einem Nervenriss im Rückenmark gesprochen und dabei die Stelle umschrieben, an der sich die erkrankten Vorderhornzellen befinden. Hier hatte der Junge dann das erwähnte Brennen und nachher ein eigenartiges Flattern empfunden, das Gröning als beginnende Regeneration bezeichnete und mit dem Flackern einer Glühbirne verglich, in die langsam Strom "einfliesst". Diese Erklärung klang primitiv. Aber sie reichte eben so nah an die Wirklichkeit heran, dass dieses Erlebnis uns tief berührte.

An der Schwelle des Unheimlichen

Die letzte Entscheidung für Gröning fiel jedoch durch ein Erlebnis, das wir kurz nach der Untersuchung Dieter Hülsmanns durch Professor Fischer hatten. Wir wurden in ein Wohnzimmer geführt, ohne zu ahnen, dass Gröning hier gearbeitet hatte. Professor Fischer setzte sich müde in einen der umherstehenden Sessel. Fast im gleichen Augenblick wurde sein Gesicht totenbleich. Er rang nach Atem beherrschte sich aber sehr schnell. Dann sah er uns aus schmalen Augen an, so, als habe ihn eben eine rätselhafte Gewalt berührt, deren Herkunft er sich nicht erklären konnte. Er sagte uns, er habe im Augenblick des Niedersitzens einen heftigen Schmerz in der rechten Nierengegend und gleichzeitig Herzklopfen und Atemnot gespürt. Seine rechte Niere war früher mehrfach von Entzündungen befallen worden. Sie bildete das am wenigsten widerstandsfähige Organ seines Körpers. Wir rätselten noch um das sonderbare Phänomen herum, als Lanzenrath ins Zimmer kam und uns sagte, der Professor sitze ausgerechnet in dem Stuhl, in dem Gröning seine Kranken behandelt habe.

Gröning hatte immer behauptet, er könne in dem Stuhl besondere Kräfte hinterlassen. Ob der Professor etwas davon gemerkt habe? "Allerdings", sagte Fischer in die etwas bedrückende Stille hinein, die von uns ausging. Aber er war bereits mit irgendeinem Plan beschäftigt. Er bat Lanzenrath plötzlich, mitzukommen und begab sich in den Garten, in dem genau so wie am Tage unserer Ankunft in Herford Kranke geduldig oder verzweifelt warteten. Er suchte unter ihnen nach einer Gelähmten und fand ein junges Mädchen, das hilflos, mit unbeweglichen Beinen in einer Laube lag. Er trug sie mit Hilfe Lanzenrahts ins Wohnzimmer, wo sie in den geheimnisvollen Stuhl gesetzt wurde. Dann begann er sie so zu behandeln, wie er es als Psychotherapeut gewohnt war. Er fand schnell die Ursache ihrer Lähmung heraus.

Das Mädchen Anni Schwedler, 21 Jahre alt, stammte aus Darmstadt und hatte im Herbst 1944 einen schweren Luftangriff auf diese Stadt erlebt. Anni war mit ihrer Mutter und etwa 20 anderen Personen im Luftschutzkeller einer Brauerei verschüttet worden. Allen anderen, einschliesslich ihrer Mutter, gelang es, durch einen Notausgang, der gerade weit genug geöffnet werden konnte, um einen Menschen durchzulassen, zu entkommen. Auf irgendeine Weise wurde aber der Körper des Mädchens in der Maueröffnung festgeklemmt. Das Haus brannte lichterloh. Die Haare des Mädchens fingen schon Feuer. Erst im letzten Augenblick gelang es einem Luftschutzwart, Anni nach draussen zu zerren und ihre bereits brennenden Kleider durch Wassergüsse zu löschen. Noch während sie jetzt berichtete, zeigte ihr entsetzter Gesichtsausdruck die inneren Vorgänge, die sich damals in ihr abgespielt haben mussten. Schon kurz nach ihrer Rettung hatte sie eine Unsicherheit im Gehen gefühlt. Einige Tage später begann sie zu stolpern. Ihr Gang wurde immer unsicherer, bis ihre Beine schliesslich völlig gelähmt waren. Jede aerztliche Behandlung hatte sich als erfolglos erwiesen. Und nun sass das Mädchen in dem merkwürdigen Stuhl, der Professor Fischer einen so starken Schock versetzt hatte.

Der Professor kombinierte, während das Mädchen zu Ende erzählte, folgendermassen:

Wenn Gröning in seinem Stuhl geheimnisvolle Heilkräfte hinterlassen hatte, dann müssten diese Kräfte auch in seiner Abwesenheit auf Kranke wirken können. Er erzählte dem Mädchen kurz von Gröning, und dass er in diesem Zimmer bereits vielen Gelähmten geholfen habe. Er tat noch ein übriges, er zeigte dem Mädchen das Bild von Gröning. Dann befahl er, von innerer Spannung geladen, ganz unvermittelt: "Stehen Sie auf!" Er dachte sich , dass Gröning ähnlich handeln würde. Das Gesicht des Mädchens strahlte urplötzlich auf, Anni erhob sich fast mit Schwung aus dem Sessel und war so erstaunt und überwältigt von der Fähigkeit, aufzustehen, dass sie zuerst gar keinen Schritt zu tun wagte. Der Professor befahl nochmals: "Nun gehen Sie!" Lanzenrath, der dabeistand, musste das Mädchen leicht bei der Hand fassen, dann ging es mit noch unsicheren Schritten und unter Freudentränen quer durch das ganze Zimmer bis zu dem Stuhl, in dem Annis völlig überwältigte Mutter sass. Hier brach Anni Schwedler jedoch zusammen. Das Experiment musste zum zweitenmal durchgeführt werden. Auch bei diesem zweiten Versuch zeigte Fischer der Patientin des Bild Grönings und stellte dabei Zeichen einer starken Durchblutung der bis dahin gelähmten Beine, Rötung und Wärmeentwicklung fest. Das Mädchen erhob sich wiederum. Die Befehle des Professors hiessen es, einige Male aufstehen und sich wieder hinsetzen. Das Aufstehen gelang immer besser. Schliesslich war das Mädchen in der Lage, den ganzen Weg aus dem Zimmer über den Hof bis zu einer gegenüberliegenden Strasse zurückzulegen, von wo aus es dann im Wagen zu einem Herforder Verwandten gebracht wurde.

Wir alle hatten mit atemloser Spannung dem Experiment zugesehen. Am gleichen Abend noch benachrichtigten wir die "Revue", dass wir unseren Aufenthalt in Norddeutschland ausdehnen müssten. Es gebe keinen Zweifel mehr daran, dass Gröning ein Phänomen sei, über das man sich durch die geplanten klinischen Experimente klar werden müsse. Wir wollten am kommenden Tag den Versuch unternehmen, mit Gröning Verbindung aufzunehmen, um ihm den Weg zu Ärzten der Heidelberger Universitätsklinik zu bereiten, damit er vor ihnen seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.

Ablauf der Ereignisse um Bruno Gröning seit März 1949

Die Verwirrung dieser Ereignisse ist so gross, dass es nur mit vieler Mühe gelang, sie in eine für den Aussenstehenden halbwegs verständliche Ordnung zu bringen.

18. März 1949

Grönings Stern geht plötzlich in Herford auf. Die angebliche oder wirkliche Heilung des an Muskelatrophie leidenden Sohnes Dieter des Herforder Ingenieurs Hülsmann wird in der Oeffentlichkeit bekannt. Die Nachricht von weiteren Heilungen gesellt sich hinzu. Gerüchte und Meldungen verbreiten sich mit Windeseile. Grosse Scharen von Kranken versammeln sich vor dem Hause Hülsmann in Herford, Wilhelmsplatz 7, in dem Gröning sich aufhält.

4. April 1949

Beginn der öffentlichen Heiltätigkeit Grönings in Herford. Gewaltiges Echo. Gröning wird zum Wundertäter von Herford. Teilweise wird er zu einer Art Messias erhoben, um so mehr, da er seine Wirksamkeit selbst auf göttliche Kräfte zurückführt.

27. April 1949

Infolge des Massenandranges von Kranken schalten sich die Behörden, besonders die Gesundheitsbehörde, ein. Gröning und Hülsmann werden zu einer Besprechung beim Leiter des Gesundheitsamtes in Herford, Medizinalrat Dr. Siebert, gebeten. Siebert erklärt, er habe bisher Grönings Tätigkeit stillschweigend geduldet, aber jetzt müsse er wegen der grossen Zahl der Kranken, wegen seiner Verantwortung für das öffentliche Gesundheitswesen eingreifen. Er versucht auf ungeschickte, etwas aufreizende Art und Weise, Grönings Personalien festzustellen. Gröning spricht ihm das Recht dazu ab und fordert ihn auf, sich statt dessen persönlich an seiner Wirkungsstätte von seinen Methoden und seinen Erfolgen zu überzeugen. Siebert lehnt dies ab mit der Begründung, er könne sich nicht blossstellen.

Während der folgenden Tage

Dreimalige Besprechung zwischen Hülsmann, dem Medizinalrat Dr. Siebert und dem Herforder Kriminalinspektor Auer, Hülsmann drängt – als begeisterter Anhänger Grönings, ebenfalls nicht sehr geschickt – darauf, die Herren möchten sich von Grönings Erfolgen überzeugen. Ablehnende Haltung durch Siebert. Auer verhält sich objektiv.

30. April 1949

Angesichts des zunehmenden Andranges heilungsuchender Menschen und der wachsenden Schwierigkeiten mit den Behörden veranstaltet Gröning im Hause Hülsmann eine Art Pressekonferenz. Die Presse hat sich inzwischen des Falles Gröning bemächtigt, ihn sensationell aufgemacht und zahlreiche Falschmeldungen und Entstellungen des Falles veröffentlicht. Zu dieser Konferenz erscheint der Oberstadtdirektor von Herford, Meister, zusammen mit dem Superintendenten Kunst. Gröning berichtigt Falschmeldungen. Es kommt jedoch zwischen dem etwas unsicheren und gehemmten Gröning, der weder in Verhandlungen mit Ärzten, noch im Umgang mit Presseleuten Erfahrungen besitzt, und den übrigen Anwesenden zu keiner rechten Verbindung. Angst der Behörden vor der Störung der öffentlichen Ordnung durch den Massenandrang der Kranken, Misstrauen oder offene Ablehnung der Ärzte und Unsachlichkeit der Berichterstattung stehen im Vordergrund.

3. Mai 1949

Oberstadtdirektor Meister stattet Gröning im Hause Hülsmann einen Besuch ab. Er wählt selbst eine Frau mit Lähmungserscheinungen aus der Menge der Wartenden aus und führt sie Gröning vor. Gröning erzielt bei der Frau einen offenbaren Erfolg. Meister verabschiedet sich, stark beeindruckt.

3. Mai nachmittags

Trotzdem übersendet der Oberstadtdirektor am Nachmittag Gröning ein Verbot jeder weiteren Heiltätigkeit. Es enthält eine dreiwöchige Beschwerdefrist. Das Verhältnis zwischen den Behörden, Gröning und den wartenden Massen, in denen sich während der vorangegangenen Wochen zahlreiche bemerkenswerte Heilungen vollzogen, wird immer verwickelter.

13. Mai 1949

Erst zehn Tage nach dem Verbot, das sich äusserlich auf das Heilpraktikergesetz des Dritten Reiches stützt, erscheint eine Ärztekommission im Hause Hülsmann. Sie besteht aus dem Leiter der Städt. Krankenhäuser in Bielefeld, Professor Dr. WolfM; dem Leiter der Heilanstalten Bethel, Professor Dr. Schorsch; und dem Medizinalrat Dr. Rainer aus Bielefeld. Anwesend sind ferner Oberstadtdirektor Meister und Superintendent Kunst. Kunst und Wolf bemühen sich um Objektivität. Völlig ablehnend ist Dr. Rainer. Er erklärt: "Meine Herren! Alles, was Ihnen hier gezeigt wird, ist der medizinischen Wissenschaft nichts Neues. Wir können derartige Fälle mit gleichem Erfolg behandeln. Wenn ich hierher komme, dann will ich Wunder sehen." Das Bündnis der medizinischen Gegner Grönings mit der Ratlosigkeit der Behörden gegenüber dem massenbewegenden Phänomen Gröning festigt sich. Gröning wird jedoch angeboten, innerhalb einer Frist bis zum 28. Juni in allen Universitätskliniken der britischen Zone Deutschland sowie dem Städt. Krankenhaus in Bielefeld oder der Klinik in Bethel nach Vereinbarung mit den Chefärzten seine Heilkunst an klinisch überprüfbaren Fällen zu beweisen.

In den nächsten Tagen

Trotz mündlicher und schriftlicher Hinweise Grönings und seiner Umgebung auf das Heilverbot und die Zwecklosigkeit des Wartens, harren die Heilungsuchenden vor dem Hause Hülsmann aus. Es ereignen sich auch schwer zu kontrollierende Heilungen, die nur durch eine Fernwirkung Grönings auf die Wartenden erklärbar sind.

20. Mai 1949

Gröning erklärt sich bereit, seine Heilkunst in den Städt. Krankenhäusern in Bielefeld unter Beweis zu stellen, kehrt jedoch auf der Fahrt zu Prof. Wolf von instinktivemMisstrauen gegenüber irgendwelchen Hinterhalten der Mediziner um. Eine Rolle spielt dabei ein Herr Klemme, den Gröning geheilt hat. Klemme schlägt Gröning vor, den Kampf mit den Herforder Behörden aufzugeben und statt dessen mit dem Regierungspräsidenten Drake in Detmold, den er gut kenne, zu verhandeln.

23. Mai 1949

Die Verbindung mit Drake kommt unter unglücklichen Umständen zustande. Auf Drängen eines Herrn Egon-Arthur Schmid, der in dem Kreis um Gröning aufgetaucht ist und sich Lektor nennt, stellt Gröning am Abend vor dem Besuch bei Drake eine sogenannte Ferndiagnose des Drakeschen Gesundheitszustandes. Die Ferndiagnosen Grönings sind eine ganz besondere Sache, die sich nicht ohne weiteres nach medizinischen Begriffen auslegen lassen. (Im Zuge des Revue-Berichtes wird von ihnen noch eingehend die Rede sein.) Überzeugt von der Kunst Grönings legt Schmidt die Ferndiagnose Drake vor. Dieser entdeckt darin einige Fehler. Der Detmolder Amtsarzt Dr. Dyes, ein klarer Gegner Grönings, der an der Besprechung teilnimmt, gewinnt Oberhand. Er erklärt Gröning wörtlich, er könne machen und beweisen, was er wolle, das Heilverbot werde nicht aufgehoben werden (diese Äusserung Dr. Dyes‘ wird durch ihn selbst dem Revue-Mitarbeiter Prof. Dr. Fischer bestätigt). Dyes‘ Worte haben einen unheilvollen Einfluss auf die weitere Entwicklung. Grönings instinktives Misstrauen gegen die Ärzteschaft festigt sich endgültig und macht auch von seiner Seite ein vernünftiges Zusammenfinden unmöglich. Dr. Dyes hat Gröning nicht auf den Ausnahmeparagraphen des Heilpraktikergesetzes hingewiesen, wonach unbeschadet der Gesetzesparagraphen in Ausnahmefällen Sondergenehmigungen zur Ausübung einer Heilpraxis erteilt werden können.

24. Mai 1949

Besprechung zwischen Gröning und dem Stadtdirektor Wöhrmann, Vertreter des in Urlaub befindlichen Oberstadtdirektors Meister. Dabei erklärt Wöhrmann nach der Aussage von acht Zeugen sinngemäss folgendes: Wenn vor dem Hause Wilhelmsplatz 7 tausend Menschen auf Heilung warteten, so interessiere ihn diese Menge nicht. Die Krankenheilung sei sekundärer Art. Ihn interessiere nur das Seelenheil und die Sündenvergebung. Alle körperlichen Leiden seien klein im Verhältnis zum Seelenheil. Da Gröning auf die Frage, ob er auch Sündenvergebung vornehmen könne, keine Antwort gebe, sei er von der Unterhaltung mit Gröning völlig unbefriedigt.

7. Juni 1949

Erneuter Besuch einer Ärztekommission bei Gröning, der diesmal Wöhrmann und Medizinalrat Dr. Siebert angehören. Fünfstündige Auseinandersetzung. Aufrechterhaltung des Verbotes jeder Heiltätigkeit. Verlängerung der Beschwerdefrist bis zum 28. Juli. Gröning wird noch einmal das bekannte Angebot gemacht, seine Heilkunst in Kliniken und Krankenhäusern zu beweisen. Dazu kommt es aber infolge des tief verwurzelten Misstrauens Grönings nicht mehr. (Prof. Dr. Fischer stellt als Revue-Beauftragter später fest, dass dieses Misstrauen nicht unberechtigt gewesen ist.)

18./19. Juni 1949

Um die Tausende von Kranken, die auf dem Wilhelmsplatz auf Gröning warten, zu beruhigen, sieht sich Wöhrmann gezwungen, das Heilverbot vorübergehend zu lockern.

20. Juni 1949

Demonstration der auf Heilung Wartenden vor dem Rathaus und der Wohnung Wöhrmanns. Polizei ist machtlos.

21. Juni 1949

Nochmalige Lockerung des Verbotes.

24. Juni 1949

Oberstadtdirektor Meister kommt zurück und bestätigt das Verbot. Erneute Demonstrationen. Die Verwirrung der Verhältnisse wird immer heilloser.

25. Juni 1949

Auf Einladung des Hamburger Grosskaufmanns Westphal, dessen Asthmaleiden Gröning gebessert hat, begibt sich Gröning nach Hamburg. Er hofft, dort seine Heiltätigkeit fortsetzen zu können. Dies erweist sich jedoch auch in Hamburg als unmöglich.

29. Juni 1949

Gröning verlässt Hamburg mit unbekanntem Ziel. Er befindet sich in der Begleitung von Hülsmann und dessen Frau. Oeffentlichkeit und Polizei verlieren seine Spur.